Tandemsprung Kassel-Calden
Mit 200 Sachen in Richtung Erde
Jugendliche der „Steimke“ erhalten Tandemsprung für erreichte Ziele
Der „Deal“ war ungewöhnlich. Ein Tandemsprung mit dem Fallschirm – wenn sie die Kurve kriegen und ihre Praktika durchhalten. Die eigentliche Botschaft an die drei jungen Männer, die in der Jugendwerkstatt Steimke in Uslar auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden: „Ich kann mich entscheiden, ein Ziel erreichen, mich Herausforderungen stellen“. Die drei – Alexander B. (22), Ahmad Z. (20) und Julian T. (19) – hielten durch.
Der Wind rüttelt leicht an der Cessna. Strahlend blauer Himmel. Nebelfetzen fliegen über Meimbressen, Ehrsten und Calden. Hier, auf dem Flugplatz von Kassel-Calden ist die Maschine der Sprungschule Aero Fallschirmsport GmbH wenige Minuten zuvor gestartet. Wolkenschatten huschen über bewaldete Hügel. Getreidefelder, Rübenacker, Wiesen sind plötzlich nur noch handtuchgroß, Häuser kleiner als Streichholzschachteln. 400 bis 500 Meter pro Minute steigt das Flugzeug, es wird kühler. Der Motor dröhnt. Das Ziel: 4.000 Meter Höhe.

Zwölf Personen sitzen dicht an dicht auf dem Boden der Cessna Caravan. Einige Einzelspringer, einige „Tandems“. Tandemmaster Erik hält seinem Passagier Alexander den Höhenmesser vor die Augen: Bei knapp über 2.000 Metern pendelt der Zeiger. Tendenz: rasch steigend. Anders die Lufttemperatur, die sinkt weiter. Alexander lässt sich nichts anmerken. „Mir ist schon etwas mulmig“, hat der 22-Jährige, vor dem Start gesagt. „Einfach geil“, meint er jetzt. 2.300 Meter. Daniel, der zweite Tandemmaster, schnallt sich Ahmad mit vier fingerdicken Karabinern und breiten Gurten fest auf den Bauch.
Ebenfalls an Bord: Johanna H., 14-jährige Schülerin des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) aus Wolfsburg – des einzigen bundesweit, das Fallschirmspringen für die neunten Klassen als fächerübergreifenden Wahlpflichtkurs (Physik und Sport) anbietet. Die 14- bis 16-Jährigen Mädchen und Jungen haben im Sommerhalbjahr theoretischen Unterricht und werden nach der so genannten AFF-Methode (Accelerated Freefall) so vorbereitet, dass sie am Ende begleitet von zwei Sprunglehrern, die korrigierend eingreifen können, selbstständig abspringen und den freien Fall erleben können.
Steffen Schiedek – Lehrer für Physik und Sport am THG und selbst passionierter Fallschirmspringer und Sprunglehrer – bietet den Kurs in Zusammenarbeit mit der Sprungschule Aero Fallschirmsport nun schon zum dritten Mal an. 18 Schülerinnen und Schüler sind diesmal dabei – die Abschlussfahrt nach Calden ist der Höhepunkt. „Die Schüler nehmen viel mehr mit aus dem Kurs als Physikkenntnisse“, sagt Schiedek. Selbstverantwortung zum Beispiel: „Die Schüler bekommen die Rückmeldung nicht über die Note. Sie entscheiden selbst: habe ich genug gelernt, dass ich meinen Kenntnissen mein Leben anvertrauen kann?“ Auch der Teamgeist und das Selbstvertrauen würden gefördert.
„Okay, gehen wir noch mal alles durch“, wendet sich Frank, der dritte Tandemmaster in nunmehr fast 3.000 Metern Höhe an Julian. Bereits am Boden haben Julian und seine Steimke-Kollegen Alexander und Ahmad das richtige Freifall- und Landeverhalten geübt. „Wir robben im Sitzen an die Ausstiegsluke, denk´ dran, du musst die Arme verschränken, den Kopf nach hinten nehmen und ein richtiges Hohlkreuz machen. Nach ein paar Sekunden im freien Fall kannst du, wenn ich dir das Zeichen gebe, die Arme ausbreiten. Wenn der Schirm offen ist, darfst du auch mit steuern, wenn du willst. Und bei der Landung die Beine hochnehmen. Okay?“ Okay.
4.000 Höhenmeter. Plötzlich herrscht hochkonzentrierte Geschäftigkeit bei allen Springern an Bord, egal ob Profi, Schüler oder Tandempaar. Einer zieht die Abdeckung der Ausstiegsluke hoch. Eisiger Wind peitscht in die Cessna. Die ersten verlassen die Maschine, andere kontrollieren noch gegenseitig ihre Brillen. Erik und sein Passagier rücken nach vorne. Nebelfetzen streifen die Maschine, als Alexander die Beine aus der Flugzeugtür hängt. Sekundenbruchteile später kippen die beiden Männer vorneweg und verschwinden kanonenkugelgleich in der Tiefe.
Für Angst ist keine Zeit. Scheinbar schwerelos in Bauchlage, wie auf einer Luftblase. In einem Raum, der weiter nicht sein könnte. Bis Hannover könnte man sehen – wenn man denn wüsste, wo genau es liegt. Alles ist so unwirklich klein da unten. Den Augen fehlen die Referenzpunkte, deshalb sind die 200 Stundenkilometer kaum zu spüren – dafür aber das Adrenalin in den Adern. Laut ist es im Sturm der Fallgeschwindigkeit, der die Wangen flattern und die Hände eiskalt werden lässt. Fast 60 Sekunden freier Fall. Fast 60 Sekunden Freiheit, das Gefühl, fliegen zu können. „Das kann man nicht beschreiben, das muss man erleben“, hat Sprunglehrer Detlef Sewering den Jugendlichen vorher erzählt. Mehr als 2.000 Sprünge hat der ehemalige Strafverteidiger selbst absolviert.
Dann ein gewaltiger Ruck: Der Tandemmaster hat den Fallschirm geöffnet. Absolute Stille. Langsam schweben die Tandems dem Erdboden entgegen. Sanfte Landung auf der Wiese neben dem Flugplatz, fast punktgenau.
„Wahnsinn“, Julian rappelt sich begeistert hoch, „der absolute Wahnsinn“. Keiner der drei Jugendlichen hatte es anfangs ernst genommen, was Heinz Rickert, Leiter der Jugendwerkstatt und selbst derzeit Fallschirm-Schüler der Sprungschule Aero Fallschirmsport in Kassel-Calden, ihnen vorgeschlagen hatte. Sie würden jeder einen Tandemsprung bekommen, wenn sie ihre mehrmonatigen Praktika bei Göttinger und Uslarer Firmen durchhalten würden. „Ich dachte erst, er will mich veralbern – aber dann habe ich mich darauf eingelassen“, erzählt Alexander. Der 22-jährige, der bislang nicht gerade immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden hatte, fehlte während seines Praktikums bei Velo Voss in Göttingen kein einziges Mal. Auch Ahmad stand sein Praktikum bei der Firma Krause in Uslar durch und startet jetzt eine Ausbildung. Und Julian hat nach seinem Praktikum nun ebenfalls einen Ausbildungsvertrag als Fliesenleger in der Tasche. Ein großer Sprung für alle drei – genau wie der Tandemsprung, den sie jetzt absolvierten, begleitet von 14 weiteren Steimke-Jugendlichen, die zur Unterstützung mit angereist waren.
Die Botschaft des ausgefallenen, doch durchaus pädagogischen Projekts: „Ich kann mich ändern, mich entscheiden, ein Ziel erreichen – und mich großen Herausforderungen stellen“. Mit der Aktion habe er einen ganz besonderen Anreiz für ein zu erreichendes Ziel schaffen wollen, erklärt Heinz Rickert. „Für das Fallschirmspringen sind dieselben Dinge notwendig, die man auch benötigt, um andere Dinge im Leben zu erreichen: Konzentration, psychische Stärke, Überwindung, die Energie etwas Neues zu tun, das man sonst nicht so leicht tut.“ Letztlich gehe es darum, sagt Heinz Rickert, den Jugendlichen zu verdeutlichen, dass sie fähig sind Entscheidungen zu treffen, die für ihr weiteres Leben bedeutend sind; dass sie in der Lage sind, aus alten Verhaltensmustern, die ihnen durchaus auch Probleme bereitet haben, auszubrechen, wenn sie denn ein lohnendes Ziel vor Augen haben.
„Fallschirmspringen ist keine physische, sondern eine psychische Sportart, die gerade jungen Menschen viel bringen kann“, sagt Geschäftsführer Matthias Maushake, Geschäftsführer der Aero Fallschirmsport GmbH. Die 1981 gegründete Sprungschule ist Ausbildungsbetrieb für alle, die Fallschirmspringen lernen wollen. Sie bietet verschiedene Kurse und Lehrgänge auch für Sprunglehrer an, organisiert den Sprungbetrieb für Lizenzspringer und rund 1.500 Tandemsprünge im Jahr. Er selbst war früher Biologie- und Sportlehrer. Rund 5.400 Sprünge hat er – der lange Jahre Mitglied der Nationalmannschaft und Bundestrainer Freifallformation war – absolviert.
Für Johanna aus Wolfsburg war es der erste Sprung. „Wahnsinn, es ist einfach toll“, sagt die 14-Jährige mit leuchtenden Augen. Nein, Angst habe sie nicht gehabt, schließlich sei sie ja gut vorbereitet worden. Nun hofft sie, dass sie eines Tages selbst ihre Lizenz erwerben kann.